Biographie   
        
    Inmitten der Weinberge des Kaiserstuhls, dort, wo Milch und Honig in freien Bächen fließen und bacchantische Mysterien ungetrübte Traditionen bilden, erblickte ich am heißesten Tage des Jahres das Licht der Welt. Es war ein angenehmes, sonnenverwöhntes Licht, geradezu angetan, einem die Laufbahn des Malers schmackhaft erscheinen zu lassen. Die uninteressante Schulzeit verbrachte ich in Freiburg. In Erinnerung geblieben sind mir die vielen Polizisten, die immer wieder den frühmorgendlichen Verkehr aufhielten, indem sie Fahndungszettel angeblicher Terroristen verteilten. Nicht nur die verdutzen Autofahrer, auch die mit riesigen Schulränzen behöckerten Kinder erhielten welche. Mein Instinkt sagte mir, dass die grobkörnigen Abbildungen unglücklich dreinschauender Menschen bewusst ein nachteiliges Bild abgeben sollten. Es war verwunderlich, welch große Wirkung ein zufällig mit roter Wachskreide an die Wand gemalter RAF-Stern oder eine saloppe Bemerkung entfachte. Anfang der 80er fühlte ich zwei einander widerstrebende Regungen in mir. Inspiriert von einem Stones-Poster hatte ich mir die Haare lang wachsen lassen und dünkte mich, fortschrittlich politisch eingestellt zu sein. Aber eine fast schon als unanständig empfundene Seite in mir wäre auch liebend gerne Popper gewesen. Ich bewunderte die Tolle Bryan Ferrys und hörte verzückt den edlen Discosound von Roxy Music.   
        
    Schließlich konnte ich dem Sog nicht mehr widerstehen. Einer meiner zahlreichen Schulwechsel führte mich auf das Wirtschaftsgymnasium. Es bot den kürzesten Schulweg und damit die Möglichkeit, länger zu schlafen. Das neue Umfeld erleichterte es mir zu konvertieren. Mit Vergnügen las ich die neue Männer-Vogue und erfreute mich an der neuen gesellschaftlichen Aufbruchstimmung: die Männer schienen die Mode zu entdecken. Als eine Art Geheimtipp wurde die Marke Boss gehandelt, kurz vor ihrem kometenhaften Aufstieg, der sie sehr schnell degenerieren ließ mit logoübersäten Trainingsanzügen und anderen, duftmarkenreichen Accessoires. Ich, der ich für Baudelaire und Aubrey Beardsley schwärmte, glaubte kurzzeitig, nun begänne Dandyismus für alle. Mit einem dünnen Rapidographen fertigte ich unermüdlich filigrane Zeichnungen, die sehr vom Jugendstil beeinflusst waren. Nach dem Abitur frohlockte ich ob meiner Ausmusterung. Die undurchsichtige Gewissensprüfung für den Zivildienst blieb mir so erspart.   
        
    Nach einigen Jahren, deren abenteuerlicher Verlauf vielleicht später einmal in diesen kleinen biografischen Text aufgenommen werden wird, kam ich zur Kunstakademie Karlsruhe in die Klasse von Peter Dreher. Sehr gefiel mir seine Reisefreudigkeit. Es gab eine ominöse Kasse, in die nie jemand etwas einbezahlte, die jedoch immer über genug Geld verfügte, um zumindest die Fahrtkosten aller zu bestreiten. Meistens ging es in die Schweiz, wo es wunderschöne Sammlungen gibt, die mangels Einwohnern nie überlaufen sind. Den Höhepunkt der unermüdlichen Reisetätigkeit stellte ein New-York-Aufenthalt der Klasse dar. Viele Ausstellungen gesehen und darüber geredet zu haben halte ich für einen sehr wichtigen Einfluss. 1993 erhielt ich von der Stiftung Künstlerwege e.V. ein zweimonatiges Stipendium nach Moskau.   
        
    Ein Jahr später wechselte ich zu Prof. Konrad Klapheck an die Kunstakademie in Düsseldorf. Ich begann mich von meiner typisch süddeutschen kalkigen Neue-Sachlichkeits-Malerei zu lösen - etwas, daß fast allen badischen Realisten trotz überreicher, verwöhnender Natur im Blut zu liegen scheint. Eine Neuerung meiner Bilder wurden farbige Untergründe. Als Motive wählte ich Gegenstände, deren merkwürdige Ausstrahlung mich anzog, wie etwa die Hälfte eines Kinder-Überraschungsei, dessen Inneres - die angebliche Extra-Portion Milch - ein so interessantes dreckiges Fahlgelb mit giftgrünem Stich aufweist.   
        
    Auch altbackende Werbung mittelständischer Unternehmen beschäftigte mich. Oft mußte ich darüber schmunzeln, weil die schwerfälligen Formen und düsteren Farben eher abweisend als anziehend wirkten. Niemand käme auf die Idee, Milch in schwarzen Tüten mit violetter Schrift anzubieten. Bei manchen Firmen stören ähnlich unfreundliche Erscheinungsbilder keinen. Ich schätze soetwas wie einen barschen, eigenwilligen Herrn, der viele selbstverständliche Standarts ignoriert und trotzdem erfolgreich ist.   
        
    Zu dieser unverständlichen, mythischen Werbung zählt auch die Tüte eines Freiburger Haushaltswaren-Geschäfts. Schon in meiner Kindheit fiel sie mir auf, wenn ich den interessantesten Ort unserer Wohnung, die Speißekammer, betrat. Es war ein mir unendlich hoch erscheinender, dämmriger Raum, angefüllt mit geheimnisvollen Dingen. Hauptatraktion war ein auf dem Boden stehender steinerner Topf. Das mit Cognac und Nelken versehene Kürbiskompott duftete durch den leicht abhebbaren Deckel. Eine Kaffee-Schmuckdose enthielt Backaromen, darunter auch ein Glas mit tiefschwarz sich schlängelnden Vanille-Schoten, die auch abgebrochene Beine eine Riesenspinne hätten sein können. Schließlich gab es einen Haken für Einkaufstüten. Unter ihnen war meistens eine jenes Haushaltswaren-Geschäfts. Aus dreckigem Oliv glomm die schwarze Shioulette einer Sophia Loren-artigen Frau. Die Haare ihres Pelzmantels sahen eher stachelig aus. Ihrem Mund entfuhr eine eirige Sprechblase. Schnörkelige Schrift darin verkündete, man habe gut gekauft. Der Name des Geschäfts versank in einem schrägstehenden schwarzen Balken wie ein leckgeschlagener Riesendampfer im Meer. Was wollte diese elegante, aus der Welt des Schlammes sphärenhaft herübergrüßende, Frau mir sagen? Irgendwann sah ich die Tüte wieder und beschloß sie zu malen.   
        
        
    Der Text wird fortgesetzt.